Mittwoch, 31. August 2011

Jetzt verschwindet 60-Watt-Birne

Zum 1. September kommt das Aus in der EU für verschwenderische 60 Watt-Birnen - das gilt auch für die Schweiz. Die Stiftung Warentest prüft die Alternativen und kürt zwei - relativ teure - LED-Lampen zum Testsieger. Vor allem Gerüchte verhindern bislang die breite Durchsetzung von Energiesparlampen.

Der nächste Schritt des EU-Verbots für Glühbirnen steht an: Ab kommenden Donnerstag - dem 1. September - sollen 60 Watt-Birnen aus dem Handel verschwinden. Die Zeitschrift Stiftung Warentest hat aus diesem Anlass Alternativen getestet [1]. Drei Möglichkeiten stehen dem Verbraucher zur Verfügung: Kompaktleuchtstoffröhren ("gewöhnliche" Energiesparlampen), LED-Lampen und Halogenlampen (die allerdings ebenfalls sehr ineffizient sind). Die LEDs haben dabei inzwischen die Nase vorn, sind jedoch noch sehr teuer.

Testsieger bei der Stiftung Warentest sind LED-Lampen von Philipps [2] und von Osram [3] - in Punkto Lichtausbeute und Lebensdauer übertreffen sie die Konkurrenz. Für die MyAmbience von Philipps mit 12 Watt zahlt man knapp über 50 Euro, der Testsieger von Osram, die Parathom Pro Classic A 80, ist im Moment noch nicht im Handel erhältlich.

Vorteil der LEDs: Sie enthalten kein Quecksilber und sind auch problemlos dimmbar. Wem die LED-Leuchten bislang zu teuer sind, der kann weiterhin auf "gewöhnliche" Energiesparlampen, sogenannte Kompaktleuchtstoffröhren, setzen. Hier hat eine Osram Duluxstar am besten abgeschnitten - sie ist im Handel für zwei bis drei Euro erhältlich. Die etwas höheren Anschaffungskosten amortisieren sich hier schnell durch den eingesparten Strom und die längere Lebensdauer.

Nach wie vor Schwierigkeiten bereiten den Energiesparlampen eine Vielzahl von Gerüchten [4] und Halbwahrheiten [5]. So ist oft zu hören, Energiesparlampen enthalten hohe Mengen Quecksilber und seien daher umweltschädlich. Richtig ist: Kompaktleuchtstoffröhren enthalten etwa drei Milligramm Quecksilber. Zum Vergleich: Alte Fieberthermometer, die seit 2009 verboten sind, enthielten bis zu 150 Milligramm an Quecksilber - eine tödliche Dosis. Der Grenzwert für Energiesparlampen liegt zur Zeit bei fünf Milligramm - immer wieder gibt es einzelne schwarze Schafe, die sich nicht an die Grenzwerte halten. So hat die Deutsche Umwelthilfe etwa aufgedeckt, dass der Baumarkt Hornbach kürzlich Lampen mit bis zu 15 Milligramm Quecksilber im Angebot hatte [6].

Um das Quecksilber fachgerecht zu recyclen, ist eine gesonderte Entsorgung von Energiesparlampen ratsam. Bislang steht Deutschland da vergleichsweise schlecht da: Nur 37 Prozent werden fachgerecht entsorgt, der Rest landet im Hausmüll. Die Deutsche Umwelthilfe schlägt daher vor, dass alle Geschäfte, die Energiesparlampen verkaufen, diese auch zurücknehmen müssen [8] - bislang ist das nur bei wenigen Geschäften der Fall.

Doch selbst wenn die Leuchten im Hausmüll landen: Besser als eine Glühbirne schneiden sie in der Umwelt- und auch in der Quecksilberbilanz allemal ab.
Denn die Stromerzeugung in Deutschland - nach wie vor zu über 40 Prozent aus Kohlekraftwerken - belastet die Umwelt ebenfalls mit Quecksilber. Der durch Energiesparlampen eingesparte Strom erspart der Umwelt mehr Quecksilber, als in ihnen enthalten ist.

Bleibt noch die direkte Belastung, wenn eine Energiesparlampe zu Bruch geht. Das Öko-Institut empfielt in diesem Fall ausgiebiges Lüften [10] - und betont, dass auch hier die Gesundheitsgefahr gering ist. Eine weitere gute Nachricht für den Verbraucher: Immer mehr Hersteller setzen auf gebundenes Quecksilber in Form von Amalgam - dadurch wird verhindert, dass Quecksilber entweicht, wenn eine Energiesparlampe zu Bruch geht.

Im Text verwendete Links:

http://www.test.de/themen/haus-garten/test/Sparlampen-Testsieg-fuer-LEDs-4269907-4269941/
http://www.philips.at/c/-/myambiance-12-w-60-w-warmweiss-mit-e27-sockel-872790091838000/prd/
http://www.osram.de/osram_de/Presse/Publikumspresse/2011/110825_Stiftung_Warentest.html
http://www.klima-luegendetektor.de/2010/04/23/taz-blackout-bei-energiesparlampen/
http://www.klimaretter.info/nachrichtensep/wohnen-nachrichten/2682-o-test-eckt-wegen-energiesparlampen-an
http://www.duh.de/pressemitteilung.html?&tx_ttnews[tt_news]=2663
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bombeta_de_Llum.JPG
http://www.duh.de/pressemitteilung.html?&tx_ttnews[tt_news]=2660
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pouring_liquid_mercury_bionerd.jpg
http://oeko.de/presse/pressemitteilungen/dok/1230.php

Link zum Artikel:
http://www.klimaretter.info/wohnen/hintergrund/9252-die-alternativen-zur-60-watt-gluehbirne

Text: Hanno Böck

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Energieagentur vollzieht Wende

Es gibt viele Vorhersagen zur wachsenden Bedeutung der Solarenergie im Speziellen und der Erneuerbaren im Allgemeinen. Doch was jetzt die Internationale Energieagentur (IEA) verlauten lässt, ist nach deren früheren Einschätzungen erstaunlich. Sagte sie doch stets eine anhaltende Vormachtstellung der fossilen Energieträger voraus – jetzt erfolgt ein radikaler Kurswechsel.

Gemäss der Prognose der Internationalen Energieagentur (IEA) wird Energie aus Photovoltaik- und Solarthermiekraftwerken bis zum Jahr 2060 demnach rund 60 Prozent des weltweiten Strombedarfs decken und damit zur wichtigsten Energiequelle. Die IEA bestätigte ihre neue Vorhersage vorab gegenüber der Fachzeitschrift PHOTON. Die zugrunde liegende Solarstudie wird allerdings erst im November 2011 erscheinen. Bisher war die Energieagentur davon ausgegangen, dass Solarstrom bis zum Jahr 2050 lediglich etwa 21 Prozent des globalen Energiehungers stillen kann.

Bloomberg meldet derweilen, dass die IEA auch für den restlichen Weltenergiebedarf den anderen Erneuerbaren die entscheidende Rolle zuerkennt: Windenergie, Wasserkraft und Biomasse kommen dafür in Frage. Cédric Philibert, Senioranalyst in der Abteilung Erneuerbare Energien der IEA (siehe Bild)sagte gegenüber der Wirtschaftsagentur: «Photovoltaik und Solarthermie (im Grossen wie im Kleinen) werden zur weltweit wichtigsten Energiequelle. Und das bei insgesamt deutlich erhöhter Stromproduktion.» Und Philibert weist auch auf die Bedeutung der Entwicklung für die Klimafrage hin: Er stellt eine 90prozentige Senkung des CO2-Ausstosses der Energiebranche nach der Wende in Aussicht. Er wird seine Erkenntnisse anfangs September an einer Energiekonferenz im deutschen Kassel detaillierter umreissen. Die umfassenden neuen Erkenntnisse der IEA, die einem echten Paradigmenwechsel gleichkommen, werden also gegen Ende des Jahres als eigenständige Solarstudie veröffentlicht. Mit der Vorhersage verbunden wirdn seitens der Organisation mit Sitz in Paris die Aufforderung, von den hervorragenden Renditeaussichten künftiger Projekte zur Nutzung Erneuerbarer Energien Gebrauch zu machen. Bloomberg selbst weist darauf hin, dass die 17 Einzelanlagen Bloomberg Large Solar Energy Index derzeit einen Marktwert von 27 Milliarden $ aufwiesen – gegenber dem rund 100mal grösseren Marktvolumen des MSCI World Energy Index’s mit 119 enthaltenen Unternehmen.

Quellen: PHOTON Europe GmbH / Bloomberg

© Solarmedia

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Dienstag, 30. August 2011

D: 20 % Prozent als Grosserfolg

Im ersten Halbjahr 2011 stammten in Deutschland mehr als 20 Prozent des gewonnenen Stroms aus grüner Energie - so viel wie nie (siehe auch Spiegel 29. August). Laut einer Umfrage steht gleichzeitig die Mehrheit der Bürger hinter der Energiewende im nördlichen Nachbarland.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (siehe Bild) hat das Überschreiten der 20-Prozent-Marke beim Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromversorgung im ersten Halbjahr 2011 als einen sichtbaren Beweis für die Zukunftsfähigkeit einer nachhaltigen Energieversorgung begrüßt. „Das solide Wachstum der Erneuerbaren Energien ist ein großer Erfolg und bekräftigt die Bundesregierung in ihrem energiepolitischen Kurs. Seit rund einem Jahr ist klar, dass wir konsequent und berechenbar auf Erneuerbare Energien setzen. Die damit verbundene Investitionssicherheit zahlt sich jetzt aus. Die aktuellen Zahlen der Energiewirtschaft und neueste Umfragen bei den Stromkunden zeigen, dass die Botschaft sowohl bei den Investoren als auch bei der Bevölkerung angekommen ist. Investitionen in erneuerbare Energien sind sicher und sie sind Investitionen in eine zukunftsfähige Energieversorgung“, sagte der Bundesumweltminister.

Die derzeitigen Investitionen in den Ausbau der erneuerbaren Energien belegen, dass die Erneuerbaren Energien mittlerweile eine stabile und solide wachsende Energiequelle geworden sind. Insbesondere durch die vielfältigen Formen und technologischen Möglichkeiten der Energiegewinnung aus erneuerbaren Quellen sind deutsche Unternehmen weltweit Vorreiter“, so Röttgen. Mit der Verabschiedung der Novelle des Erneuerbare Energien Gesetzes vor der Sommerpause hat die Bundesregierung unterstrichen, dass sie den Weg des Ausbaus und der zunehmenden System- und Marktintegration der Erneuerbaren Energien konsequent weiter beschreiten wird. Und das sind die neuesten Zahlen - die auch ein Überflügeln der Wasserkraft durch die photovoltaische Sromerzeugung zeigen, demnach setzt sich der Strommix seitens der Erneuerbaren wie folgt zusammen:
- zu 7,5 Prozent Anteil an der Gesamtstromerzeugung in Deutschland aus der Windkraft,
- zu 5,6 Prozent aus Biomasse,
- zu 3,5 Prozent aus Photovoltaik,
- zu 3,3 aus Wasserkraft
- zu 0,8 Prozent aus Müllkraftwerken und sonstigen Quellen.

Der Bundesumweltminister sieht sich auch durch eine gleichzeitig bekannt gewordene Studie zur Akzeptanz der Erneuerbaren Energien im Kurs bestätigt. „Die Bürger befürworten die Energiewende und sie sind auch bereit, die Kosten dafür zu tragen. Wenn 94 Prozent der Befragten den weiteren Ausbau der Erneuerbaren für wichtig halten und wenn fast 80 Prozent auch die derzeitige EEG-Umlage für angemessen halten, dann ist das eine erfreuliche Bestätigung und Bekräftigung unseres energiepolitischen Wachstumskurses“, so Röttgen.

Weitere Informationen zu den Ergebnissen der Umfrage von TNS Infratest unter www.unendlich-viel-energie.de, zu aktuellen Zahlen über erneuerbare Energien im BMU-Internetangebot unter www.erneuerbare-energien.de/inhalt/2720/

Quelle: Deutsches Bundesministerium für Umwelt

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2012 Jahr der Erneuerbaren

Die UNO Ende des vergangenen Jahres 2012 zum Internationalen Jahr der erneuerbaren Energie für alle erklärt.

Erdöl ist der mit Abstand wichtigste Energieträger der Welt. Industriell gefördert wird es erst seit 1859, also seit gut 150 Jahren. In dieser aus historischer Sicht relativ kurzen Zeit hat der billige und stete Zufluss von Energie unsere Welt fundamental verändert. In den industrialisierten Ländern der Welt wurde der Wohlstand enorm erhöht. Zudem bildete das Erdöl in vielen Fällen die Basis für die Produktion und den Transport einer Vielzahl von materiellen Gütern. In den nächsten 20 Jahren ist der Höhepunkt der Erdölfunde allerdings voraussichtlich erreicht. Es ist ungewiss, wie der Energiehunger der Welt danach gestillt werden soll. Zwei entgegengesetzte Herausforderungen stellen sich:
- Für den wirtschaftlich-sozialen Fortschritt und die Erreichung der Millenium Develppment Goals (MDG) ist eine angemessene Energieversorgung entscheidend. Weltweit leben rund zwei Milliarden Menschen ohne Elektrizität.
- Die Weltgemeinschaft muss ihren Kohlendioxid-Ausstoss wegen des Klimawandels drastisch reduzieren.

Erneuerbare Energien sind von entscheidender Bedeutung, um die Welt auf einen sichereren, zuverlässigeren und nachhaltigeren Energiepfad zu führen. Das Potenzial ist zweifellos immens, aber wie schnell ihr Anteil bei der Deckung des globalen Energiebedarfs wächst, hängt kritisch von der Stärke staatlicher Unterstützungsmassnahmen ab. Diese werden entscheidend dazu beitragen, die Wettbewerbsfähigkeit von erneuerbaren Energieträgern zu erhöhen und technologische Weiterentwicklung zu fördern. Das Bild zeigt Windanlagen in Brasilien - Foto: Martin Enkelmann. Die Möglichkeiten einer stärkeren Nutzung der erneuerbaren Energien sind - absolut betrachtet - in der Stromerzeugung am grössten. Im Szenario der neuen energiepolitischen Rahmenbedingungen verdreifacht sich die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien zwischen 2008 und 2035. Der Anteil der erneuerbaren Energien an der Weltstromerzeugung erhöht sich in diesem Zeitraum von 19% auf beinahe ein Drittel und schliesst damit zur Kohle auf. Dieser Anstieg geht in erster Linie auf Wind- und Wasserkraft zurück, wobei Wasserkraft in der Referenzperiode dominant bleibt.

Die Stromerzeugung durch Photovoltaik-Anlagen nimmt rasch zu, obgleich ihr Anteil an der Weltstromerzeugung 2035 nur ca. 2% erreicht. Der Anteil moderner, erneuerbarer Energien an der Wärmeerzeugung in der Industrie und im Gebäudesektor steigt von 10% auf 16%. Die Nutzung von Biokraftstoffen erhöht sich zwischen 2008 und 2035 um mehr als das Vierfache, und liefert am Ende der Referenzperiode 8% des im Strassenverkehr benötigten Kraftstoffs (gegenüber 3% heute).

Quelle: Schweizerische Unesco-Kommission

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Montag, 29. August 2011

Kommen wir da noch raus?

Ja, sagt der britische Intellektuelle Tom Hodgkinson. Wir leben zwar im falschen System, aber wir könnten auch anders.

Pause machen und Tee trinken: Tom Hodgkinson

Pause machen und Tee trinken: Tom Hodgkinson

An diesem Augustabend sind die Regenwolken tiefdunkel und bedrohlich. Ein Traktor älterer Bauart tuckert mit 25 Meilen pro Stunde vor uns her. Überholen unmöglich, wir befinden uns auf einer einspurigen Straße in Devon, einer wilden, wunderschönen Gegend drei Stunden westlich von London. Wenn die Bauern ihre Heuernte nicht heute Abend noch einbringen, müssen sie tage-, vielleicht wochenlang warten, bis die Ballen wieder getrocknet sind. Man kann sich eben nicht immer aussuchen, zu welcher Tageszeit man arbeitet.

Tom Hodgkinson, 43, Journalist, Buchautor, Intellektueller, den ich an diesem stürmischen Abend besuchen will, würde die Notwendigkeiten, die Wind, Wetter und Jahreszeiten mit sich bringen, verstehen, ja gutheißen – und dies, obwohl er ein erklärter Feind der Arbeit ist. How To Be Idle (Anleitung zum Müßiggang) heißt sein Bestseller von 2004, und wenn Hodgkinson für irgendetwas Experte ist, dann für den Ausstieg aus dem Hamsterrad der spätkapitalistischen Wirtschaftsweise. Seine Botschaft, seine Mission, sein Produkt: radikale Systemkritik.

Toms 200 Jahre altes Farmhaus ist aus grauem Granit erbaut und liegt unterhalb eines Höhenzuges, der steil zum Atlantik hin abfällt. Es gibt keinen Handyempfang und auch keine Straßenbeleuchtung in diesem Flecken aus fünf Höfen und einer Kirche. Die einzige Helligkeit dringt aus dem Küchenfenster des Farmhauses. Und dort in der Küche kann man Hodgkinson betrachten wie auf einer erleuchteten Bühne: einen schlanken, dunkelhaarigen Mann in Jeans und T-Shirt, der in aller Seelenruhe allein am Wohnküchentisch sitzt, vor sich ein Pintglas voll Ale und alle Zeit der Welt. Falls er bemerkt, dass zwei seiner drei Kinder (Delilah, neun, und Henry, sechs Jahre alt) zu dieser späten Stunde aufgeregt aus einem Fenster des Obergeschosses spähen, ignoriert er das überzeugend. Kein Wunder. Die zentrale These seines Erziehungsratgebers The Idle Parent (Leitfaden für faule Eltern, rororo, März 2011) lautet, dass die beste Erziehungsstrategie weise Nichteinmischung sei.

Hodgkinsons politischer Standpunkt ist nicht ganz leicht zu fassen: Er selbst bezeichnet sich als Anarchisten, er ist aber zugleich unhintergehbar ein Produkt der oberen englischen Mittelklasse. Seine Eltern sind erfolgreiche Londoner Journalisten (Daily Mail, Times, Sunday People). Mit Westminster besuchte er eine der teuersten Privatschulen Englands (30.000 Pfund im Jahr), danach studierte er Englische Literatur an der Eliteuniversität Cambridge. Seine Kinder lernen Latein von einem pensionierten Lehrer – privat und über Skype, weil die örtlichen Schulen die alte Sprache nicht mehr anbieten. »Stattdessen haben sie ›Wohlbefinden‹ und ›Informationstechnologische Kompetenzen‹ auf dem Lehrplan«, lästert ihr Vater.

Seit 1993 gibt Tom Hodgkinson eine Halbjahresschrift heraus, die in England jedenfalls unter Linksliberalen Kultstatus erlangt hat: den Idler, den Müßiggänger. Ein vergleichbarer Titel wäre im deutschen Markt einigermaßen schwer vorstellbar. Die Thesen, die Hodgkinson in seiner Zeitschrift und in seinen Büchern diskutiert und diskutieren lässt, sind auf eine ausgesprochen fröhliche (und in Deutschland ebenfalls kaum vorstellbare) Weise kulturkonservativ. »Der Zweck dieses Buches«, schreibt er in seinem Vorwort zu How To Be Idle, »ist es... die Arbeitskultur der westlichen Welt anzugreifen, die so viele von uns versklavt, demoralisiert und deprimiert hat.«

»Unsere Gesellschaft«, sagt Hodgkinson – da hat er mir gerade ein Bier eingeschenkt, eine Pizza in den Holzofen geschoben, vier Labradorwelpen aus der unglaublich schmutzigen Küche geworfen und ein etwas mickriges Hühnerküken im Brutkasten aufmunternd angestupst –, »unsere Gesellschaft leidet an Gier, Konkurrenz, einsamem Streben, Grauheit, Schulden, McDonald’s und GlaxoSmithKline. Wir leben im falschen System. Wir müssen uns befreien von Sorgen, Angstzuständen, Hypotheken, Geld, Schuldgefühlen, Schulden, Regierungen, Langeweile, Supermärkten, Rechnungen, Melancholie, Schmerz, Depressionen und Verschwendung.«

Chefs, Karrieredenken, Finanzmärkte und politisch korrekter Fortschrittsglaube sind Hodgkinson zuwider, und er bemüht den zum Katholizismus konvertierten Autor Gilbert Keith Chesterton (1874 bis 1936; berühmt für seine Kriminalgeschichten über den sympathischen Helden Father Brown) als einen von vielen Kronzeugen dafür, dass die Anweisungen für das gute Leben eher in der Vergangenheit als in der Zukunft zu finden seien. »Wir können entweder rückwärts schreiten in Richtung Freiheit«, schrieb Chesterton mit Blick auf die moderne Industriegesellschaft, »oder vorwärts in Richtung Sklaverei.«

Hodgkinson verehrt das Mittelalter als eine Zeit der Fröhlichkeit, der ganzheitlichen, nicht entfremdeten Arbeit, des stolzen Handwerkertums, der Gilden, der heilen Dorfgemeinschaft, der jahreszeitlichen Feste ums flackernde Kaminfeuer oder um den Maibaum. Ohne Zweifel eine ganz und gar unverantwortliche, historisch falsche Idealisierung, die Schmutz, Krankheit, Brutalität, Hunger, Not, Unterdrückung und Unwissenheit schlicht ausblendet. Aber: Diese Verklärung einer fernen, besseren Vergangenheit hat in England Tradition, nicht die schlechteste: von der Arts-and-Crafts-Bewegung des Sozialisten William Morris (1834 bis 1896) über die Ästhetik der Präraffaeliten (Maler wie Dante Gabriel Rossetti, John Everett Millais oder Edward Burne-Jones) bis zu populären Autoren wie dem bereits erwähnten Chesterton, zu J. R. R. Tolkien (Der Herr der Ringe), Kenneth Grahame (Der Wind in den Weiden) oder Richard Adams (Watership Down).

Das Gefühl, dass eine teuflische Kombination aus Puritanismus und industrieller Revolution das »alte England« ruiniert und verwüstet habe, ist ein Grundmotiv der britischen Literatur. Die moderne Fixierung des Landes auf Finanzdienstleistungen macht nichts besser: Sie hat nur die trostlose Fabrik gegen das trostlose Büro ausgetauscht. Und wer sich in den heruntergekommenen Zentren ehemaliger Industriestädte wie Manchester oder Birmingham umschaut (oder in den Londoner Stadtteilen Tottenham, Lewisham, Hackney und Croydon, wo jüngst die Krawalle eines deklassierten Jugendproletariats tobten), der mag sich schon fragen, ob das Mittelalter wirklich so viel schlimmer gewesen sein kann.

Hodgkinsons erklärte Feinde sind jedenfalls die Puritaner – zum Beispiel der Reverend John Clayton, der 1755 in seinem »Freundlichen Rat an die Armen« frühes Aufstehen als wichtigste Strategie gegen Not empfahl; oder der Methodist John Wesley, der allzu langen Schlaf als gesundheitsschädlich diffamierte; besonders natürlich der amerikanische Verfassungsvater Benjamin Franklin, dem der Aphorismus »Early to bed and early to rise / makes a man healthy, wealthy and wise« zugeschrieben wird. Eine ebenso steile wie fragwürdige These, aber bis heute wirksam und verantwortlich dafür, dass frühes Zubettgehen und harte Arbeit als tugendhaft und gottgefällig gelten. Alles nur Ideologie, um die Armen in die Fabriken zu treiben, meint Hodgkinson: Daher sein Eintreten für rebellische »Faulheit«, das natürlich eine Pose ist.

Hodgkinson selbst ist alles andere als faul: Neben seiner Herausgebertätigkeit, seinen Büchern, seiner sporadischen Kindererziehung, dem Holzhacken und der Bewirtschaftung seines »katastrophalen bäuerlichen Kleinbetriebs« betreibt er mit seiner Frau Victoria seit März einen Buchladen mit Café und Veranstaltungszentrum im szenig-etablierten Londoner Stadtteil Notting Hill. Der Laden könnte – samt Holzfußboden, Kirchenbänken, handgeschreinerten Regalen und Orientteppichen – direkt aus dem entsprechenden Film mit Hugh Grant und Julia Roberts stammen. Dort residiert auch die Idler Academy für gepflegtes Nichtstun, Camping, Stickarbeiten und mittelalterliche Musik (um nur einen Teil des Curriculums zu nennen). Es wird klar: Mit »Faulheit« meint Hodgkinson nur den Verzicht auf entfremdete Arbeit, Lohnsklaverei, Nine-to-Five-Jobs, Pendlerschicksale, Marketinggequatsche, Meetings, hastig verzehrte Sandwiches zum Mittagessen, Konsum als Trostpflaster für ein uneigentliches Leben und Schulden, um den Konsum zu bezahlen.

Tom Hodgkinson ist eine Art Jamie Oliver des Antikapitalismus. So wie Jamie den praktisch revolutionären Gedanken durchsetzte, dass jeder Einzelne die Chance hat, durch Kochen gegen die Fast-Food-Monokultur zu rebellieren, betrachtet Tom die Phänomene des spätkapitalistischen Alltags und fragt: Muss das so sein? Wer hat verfügt, dass die Arbeit am besten um neun Uhr morgens beginnt? Wer kann beweisen, dass moderne Kommunikationstechnologien Zeit sparen? Wer sagt, dass man Karriere machen und seine Kollegen in Grund und Boden konkurrieren muss? Wer hat den Tod des produktiven Zwei-bis-drei-Stunden-Mittagessens mit drei Martinis auf dem Gewissen? Wer hat den Mittagsschlaf verboten? Warum lassen wir uns schlecht behandeln, wenn wir unser Konto überzogen haben, obwohl die Bank sich just daran dumm und dämlich verdient? Und warum – warum? – kaufen wir von unserem eigenen, schwer verdienten Geld das Lieblingsinstrument aller Sklaventreiber: einen Wecker? Hodgkinsons Empfehlung gegen all diesen Wahnsinn lautet: Hört auf zu jammern! Kündigt eure Jobs, arbeitet frei oder in Teilzeit! Lernt ein Handwerk, gründet ein Geschäft, baut Gemüse an, zerschneidet eure Kreditkarten! Zieht aufs Land, wo alles billiger ist. Backt Brot, spielt Ukulele!

Die Einwände gegen dieses lebensreformerische Programm liegen auf der Hand: Ist es nicht, erstens, total naiv? Kann die Wirtschaft so funktionieren? Na bitte. Und ist es nicht, zweitens, auch zynisch – angesichts von Arbeitslosigkeit, sozialen Spannungen, der mangelnden Bildung vieler Jugendlicher, der Angst der Mittelschicht vor dem wirtschaftlichen Abstieg? Zum Naivitätsvorwurf sagt Hodgkinson, er sei das Gerede über »Realismus« und die »wirkliche Welt« einigermaßen leid. Was mache denn die »wirkliche Welt« aus: fette Gewinne für Geschäftsleute? Oder doch eher »Dichtung, Freunde, Natur, Gott«? Der zweite Vorwurf ist ihm zu sozialdemokratisch-paternalistisch. Prinzipiell hält er jeden Menschen für fähig, Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen. Selbstbestimmung hat freilich ihren Preis, und Hodgkinson benennt ihn klar: Grundlage für ein freies Leben ist radikaler Konsumverzicht.

Dabei geht es nicht darum, allen Vergnügungen zu entsagen – aber man darf sich von seinen falschen Bedürfnissen nicht überwältigen lassen. Das heißt: Weg mit Auto, teuren Reisen, iPods, Prada-Gürteln und vor allem: weg mit dem Fernsehapparat! »Das Medium ist die Botschaft«, sagt Hodgkinson, den kanadischen Medienwissenschaftler Marshall McLuhan zitierend. »Und die Botschaft lautet: Bleib in deinem seelentötenden Job, und verschleudere dann dein Gehalt und deinen Kredit für teuren Müll!« Für gehetzte Mittelschichtsangehörige, die der Last des kostspieligen Lebens überdrüssig sind, ist der Verzicht ohne Zweifel eine attraktivere Vorstellung als für Menschen, die immer mit jedem Penny rechnen mussten. Aber wird das Konzept des individuellen Downsizing dadurch falsch? Auch wer sehr wenig hat, kann vermutlich besser in einer Gesellschaft leben, die Materielles nicht allzu sehr vergötzt.

Am nächsten Morgen zeigt sich: Das Brutkastenküken hat leider die Nacht nicht überstanden. Delilah und Henry tragen das mit Fassung, sie haben schon gelernt, dass eine Farm kein Disneyland ist. Zum Frühstück gibt es, selbstverständlich, frisch gebackenes Brot und Eier von den eigenen Hühnern. Noch immer beschäftigt uns die Frage, ob Toms Ideen nicht vor allem luxuriöse Mittelklassefantasien sind: Offenkundig haben es ja Schriftsteller, Künstler und alle Arten von Freiberuflern leichter, ein Leben außerhalb des Systems zu wagen, als Verkäuferinnen, Busfahrer, Call-Center-Mitarbeiter oder Polizisten. Viele, gerade besonders harte oder besonders langweilige Arbeiten erfordern nun einmal körperliche Anwesenheit. Doch auch wer auf diese Art von Broterwerb angewiesen ist, gewinnt größere Freiheit, wenn er sich nicht für einen Flachbildschirm in zusätzliche Schuldknechtschaft begibt.

Und würde nicht eine nennenswerte Idler-Bewegung die Arbeitsbedingungen auch für alle anderen verbessern – weil Arbeitgeber lernen müssten, dass nicht mehr jeder Mitarbeiter unter den abenteuerlichsten Bedingungen zu haben ist? Hodgkinson sieht sich oft dem Vorwurf ausgesetzt, er sei privilegiert, für ihn sei es ja leicht. Womöglich. Aber warum machen es dann nicht mehr Privilegierte wie er? Im Übrigen wird er nicht müde zu betonen, dass er jeden Penny, den er ausgibt, selbst verdient hat. Das alte Haus in Devon mietet er, weil seine Familie dort für einen Bruchteil des Geldes leben kann, das sie in London ausgeben müsste. Das – zum Teil sehr charmante – Mobiliar stammt überwiegend von Flohmärkten. Die langen Bänke am Küchentisch fand Hodgkinson in einem Nebengelass der Kirche.

Sein Programm könnte unerträglich sein, wenn er dabei asketisch und entsagungsvoll aufträte. Aber genau das tut er nicht: gutes Essen, gutes Trinken, gute Bücher, Freunde und Feste stehen im Zentrum seiner Ideen. Es geht ihm um eine Konzentration auf das Wesentliche. Und er behauptet, dass man sich all dies relativ mühelos leisten könne, wenn man sich von der Plastikwelt abwende, Bücher secondhand kaufe und sein eigenes Gemüse anbaue.

Außerdem ist er herrlich inkonsequent. In seiner Buchhandlung gibt es Idler-Merchandising: Buttons, Becher mit Slogans, T-Shirts mit dem Aufdruck »Work Kills« – seine Kritiker sehen darin schon einen Schritt auf die dunkle Seite des Kapitalismus. Natürlich hat er seinen Kindern säckeweise nutzloses Plastikspielzeug geschenkt, weil er ihrem Gequengel nachgab. Toms Gemüsegarten, das gepriesene Herzstück des Aussteigerhofes, sieht in diesem verregneten Jahr einfach schrecklich aus: von Schnecken angenagter Spitzkohl, daniederliegende Erbsenpflanzen, ins Kraut geschossener Kohlrabi. »Ich hatte einfach keine Zeit, mich darum zu kümmern«, sagt der Faulheitsguru zerknirscht. Auch das Pony ist entkommen, niemand hatte bisher Gelegenheit, es einzufangen, und so wuchern die Rasenflächen ums Haus immer mehr zu. Zum Abschied essen wir einen traditionellen Lunch im Hunter’s Inn, dem örtlichen Pub. Wenn Delilah und Henry nicht die anderen Gäste mit ihren geräuschintensiven Fangspielen terrorisieren würden, könnte man sich im 19. Jahrhundert wähnen. Auf den Terrassen wandern Pfauen. Das Unwetter ist vorbei, die Berge von Devon leuchten heidelila. Aber es ist der 5. August 2011, und alle müssen wieder nach London.

In Tottenham passiert mein Taxi den Schauplatz der Schießerei, von dem aus die Londoner Unruhen der vergangenen Wochen ihren Ausgang nahmen. Der Flughafen Heathrow ist voller gehetzter, mobil telefonierender Menschen. Über endlose Laufbänder werden wir zu den Outlets für überteuerte Burger, überteuerte Balik-Lachs-Anrichtungen und überteuerte Handtaschen transportiert. Die britischen Zeitungen titeln »Schwarzer Freitag«, »Märkte weltweit im Aufruhr« und »Börsen im freien Fall«. 17.20 Uhr nach Hamburg.

Wer lebt richtig? Wer hat recht? Was ist die Wirklichkeit?

Quelle: Zeit Online



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Grün ist nicht gleich Grün

Drei Volksinitiativen wurden lanciert, die sich für eine grüne Ökonomie einsetzen. Doch was genau ist unter grüner Ökonomie zu verstehen und was schlagen die verschiedenen Initiativen vor, um diese zu fördern? Ein Meinungsbeitrag der Waadtländer Nationalrätin Adèle Thorens Goumaz.

Grüne Ökonomie wurde während der letzten Finanzkrise unter dem Banner eines «Green New Deal» vermehrt thematisiert. Es ging darum, die Förderprogramme für die Wirtschaft zu nutzen, um bewusst in umweltfreundliche Projekte zu investieren. In diese Richtung geht die «Cleantech»-Initiative der SP, die 100’000 Arbeitsplätze im Bereich der erneuerbaren Energien schaffen will. Dadurch wird aber nur die saubere Energie wirtschaftlich gefördert. Die Initiativen «Energie- statt Mehrwertsteuer» der Grünliberalen und «Für eine grüne Wirtschaft» der Grünen zielen hingegen auf die Wirtschaft als Ganzes.

Bastien Girod stellt die Initiative vor.

Wie soll unsere Ökonomie funktionieren, wenn unsere Ressourcen immer knapper werden? – Bastien Girod stellt die Initiative vor.

Sowohl die Grünliberalen, wie auch die Sozialdemokraten fokussieren primär auf Energie-Fragen. Die Initiative der Grünen ist da viel umfassender: Sie bezieht die Gesamtheit der Wirtschaft und der Ressourcen mit ein. Sie will die Prinzipien einer Ökonomie, die auf Stoffkreisläufe basiert und eines industriellen Umweltschutzes in der Verfassung verankern. So soll zum Beispiel erreicht werden, dass ein Maximum an Ressourcen, Materialien und Abfällen wiederverwertet wird und dass alles, was nicht wiederverwertet werden kann, in einen natürlichen Kreislauf zurückgeführt wird. Kurz: Die Umweltbelastungen durch die Unternehmen sollen minimiert werden.

Auch auf Ebene der vorgeschlagenen Instrumente unterscheiden sich die drei Initiativen. Die Grünliberalen konzentrieren sich auf eine Besteuerung der Energie, während die Sozialdemokraten auf die Förderung erneuerbarer Energie setzen. Die Initiative der Grünen hingegen schlägt eine viel grössere Bandbreite an Mitteln vor, aus denen Bundesrat und Parlament schöpfen können. Ausser der Einführung von Massnahmen im Stile von «Cleantech» und «Energie- statt Mehrwertsteuer» würde die Initiative «Für eine grüne Ökonomie» auch den Bau von industriellen Anlagen, die nach ökologischen Kriterien funktionieren, ermöglichen. Dort würden, um die Verwendung der Ressourcen zu optimieren, Firmen in einem Komplex zusammenarbeiten. Zudem würde die Vergabe öffentlicher Aufträge nach ökologischen Kriterien erfolgen und für Betriebe, die nach ökologischen Kriterien arbeiten, könnten steuerliche Anreize geschaffen werden.

Abgesehen von diesen Unterschieden haben die drei Initiativen das gleiche Ziel: Es werden Richtlinien für eine Ökologisierung der Wirtschaft formuliert und fundamentale Fragen gestellt: Wie soll unsere Ökonomie funktionieren, wenn unsere Ressourcen immer knapper werden? Wie können wir eine Lebensqualität erhalten, die heute auf der Benutzung von nicht erneuerbaren Energien und Gütern beruht? Wie kann man unsere Wirtschaft dabei unterstützen, anders zu funktionieren, nachhaltig zu sein und trotzdem konkurrenzfähig zu bleiben? All diese Fragen werden nicht nur in der kommenden Legislatur wichtig sein. Sie werden in den nächsten Jahrzehnten immer wieder zu reden geben. Die Debatte ist lanciert.

Adèle Thorens Goumaz est conseillère nationale (Verts/VD) depuis 2007.
Adèle Thorens Goumaz ist seit 2007 Nationalrätin (Grüne/VD).

Sonntag, 28. August 2011

Sparlampen trotz allem

Ein kleiner Schritt für die Glühlampe, ein großer für den Klimaschutz in der EU: Ab dem 1. September dürfen keine 60 Watt-Glühlampen mehr auf den Markt gebracht werden. Das Öko-Institut begrüßt die konsequente Umsetzung der EU-Ökodesign-Verordnung für Lampen in Deutschland im Sinne des Klimaschutzes.

„Verbraucherinnen und Verbraucher sollten spätestens jetzt gar keine Glühlampen mehr kaufen“, empfiehlt Stéphanie Zangl, Wissenschaftlerin und Expertin für energieeffiziente Beleuchtung am Öko-Institut. „Energiesparlampen sind die umweltfreundlichere und sparsamere Variante: wer seinen Haushalt jetzt neu ausstattet, spart jährlich 100 Euro und 450 Kilowattstunden Strom ein – das ist so viel, wie vier effiziente Kühltruhen verbrauchen, die 24 Stunden am Tag laufen.“ Moderne Energiesparlampen gibt es heute in vielfältigen Formen und Lichtqualitäten. Anders als die erste Generation der 1980er Jahre sind sie in verschiedenen Fassungsgrößen erhältlich sowie in unterschiedlichen Weißtönen und Farben, als dimmbare Versionen und schnellstartend. Allen gemein ist, dass sie den höchsten Energieeffizienzklassen – A und B – angehören. Herkömmlich Glühlampen dagegen rangieren in den Klassen D und E.

Sparlampen halten sechs bis 15-mal länger als Glühlampen,
können etwa bis zu 300.000 Mal geschaltet werden und verbrauchen rund 80 Prozent weniger Strom. Sie tragen damit direkt zu den anspruchsvollen Klimaschutzzielen der Europäischen Union bei.

Verbraucher sparen trotz der höheren Anschaffungskosten:
Die jährlichen Gesamtkosten der Energiesparlampen liegen deutlich unter denen der Vergleichsmodelle. Während eine herkömmliche 60-Watt-Glühlampe über den anteiligen Kaufpreis und die jährlichen Stromkosten Gesamtkosten von rund 15 Euro pro Jahr hat, liegen diese Gesamtkosten bei einer vergleichbar guten Energiesparlampe nur bei rund drei Euro „Es gibt kein anderes Produkt, mit dem man im Haushalt so schnell und viel Strom und damit natürlich bares Geld sparen kann“, fasst Zangl den Nutzen von Energiesparlampen zusammen.

Energiesparlampen enthalten kleine Mengen von Quecksilber – etwa zwei bis maximal fünf Milligramm (mg). Beim normalen Betrieb wird das Quecksilber nicht freigesetzt. Nach außen kann es nur gelangen, wenn eine Energiesparlampe kaputt geht, was sehr selten passiert. Auch schon weil man sie sechs bis 15-mal weniger oft auswechseln muss als Glühlampen. Selbst im seltenen Fall eines Bruchs besteht keine akute Gesundheitsgefahr: ausgiebiges Lüften, das rasche Auffegen der Lampenreste und Verschließen in einem Glas mit Schraubverschluss reduziert die Quecksilberbelastung schnell.

Selbst wenn eine Person das in der Lampe enthaltene Quecksilber vollständig aufnehmen würde, wäre die Gesundheitsbelastung verglichen mit anderen Belastungen minimal. Allein durch den Verzehr von einigen Kilogramm Fisch, der heute noch immer quecksilberbelastet ist und bis zu einem Milligramm Quecksilber pro Kilogramm Fisch enthalten darf, ist die akkumulierte Quecksilberbelastung höher als die durch zerbrochene Energiesparlampen.

Wer die allgemeine Quecksilberbelastung der Umwelt reduzieren will, sollte schnellstmöglich seine Glühlampen durch Energiesparlampen ersetzen – und zu erneuerbaren Energien wechseln. Denn bei der Stromproduktion aus Kohle, die in Deutschland derzeit immerhin fast 43 Prozent der gesamten Stromerzeugung ausmacht, wird kontinuierlich Quecksilber freigesetzt. Es ist in kleinen Konzentrationen in der Kohle enthalten und wird bei der Verbrennung in die Atmosphäre entlassen. Durch den mehr als fünffach Prozent höheren Stromverbrauch einer Glühlampe wird so deutlich mehr Quecksilber freigesetzt als in einer vergleichbaren Energiesparlampe überhaupt enthalten ist.

Gesetzlich ist bereits eine stufenweise Reduzierung der erlaubten Höchstmengen an Quecksilber in Energiesparlampen auf 2,5 mg vorgesehen. Diese Regelung gilt in der EU ab dem 1. Januar 2013. Schon ab Januar 2012 dürfen sie nur noch 3,5 mg Quecksilber enthalten. Auch heute können Verbraucher beim Einkauf schon darauf achten, dass sie Lampen mit möglichst geringem Quecksilbergehalt wählen.

Damit Verbraucher ohne hohen Aufwand gute und effiziente Produkte kaufen können, brauchen sie Orientierung und Unterstützung bei ihrer Kaufentscheidung. Kennzeichnungen wie der Blauer Engel und die Energieeffizienzklassen für alle Lampentypen bieten da eine erste Hilfe. Zusätzlich können unabhängige Verbraucherinformationsportale wie www.ecotopten.de vom Öko-Institut oder Tests wie beispielsweise in der aktuellen Ausgabe des Magazins der Stiftung Warentest (September 2011) bei der Kaufentscheidung helfen.

Weitere Informationen: Ausführliche Informationen bietet das Oeko-Institut in einem Fragen- und Antwortenpapier des Öko-Instituts zu Energiesparlampen zusammengefasst.

Quelle: Öko-Institut e.V.